Dreamcatcher
Das symbolische Medlock-Bohlen-Album zwischen Selbst- und Fremdrecycling!
Im Zuge des am 14. August erscheinenden, von Christian Geller produzierten Mark Medlock-Albums Back into the Sun möchte ich heute mal eine musikalische Reise zurück zum für mich symbolträchtigsten Medlock-Album der Bohlenzeit unternehmen.
Ich kenne Dreamcatcher noch zu gut und gerade der Song Unbelievable weckt zahlreiche Kindheitserinnerungen. Die Gesamtumsetzung kommt für mich aber auch einem Guilty Pleasure gleich. Und eine gewisse Verklärtheit durch die Brille der Vergangenheit hindert zumindest mich nicht daran, das Album in seiner künstlerischen Eigenständigkeit deutlich kritischer zu sehen.
Handwerklich begegnen uns auf Dreamcatcher lupenreine Popsongs der Bohlen-Hitschmiede. Doch es wird schnell deutlich, dass viele Melodien für mich wie Ergebnisse eines Selbst- oder Fremdrecyclings erscheinen. Im Grunde die systematische Hitformel, die auch sonst bei vielen Bohlen-Kompositionen ausfindig gemacht werden kann. Dennoch finde ich, dass gerade Dreamcatcher dies in seiner unsubtilen Masse auf die Spitze treibt. Dies verleiht dem Album zunächst eine gewisse stilistische Vielfalt, wenn man sich zwischen Balladen, Softrock, Disco und Sunshine-Reggae im schlagernahen Klanggewand bedient. Doch dabei bleibt es eben nicht.
Die deutlich harmloseren, aber ebenfalls überaus eindeutigen Beispiele sind hierbei Bohlens Selbstzitate. So die Ähnlichkeiten bei Love Is Beautiful zum Blue-System-Track Shame Shame Shame oder Only Forever als neu arrangierte und neugetextete Version von Nathalie Tineos Nebelmond. Doch erst beim bohlengeprägten Fremdrecycling wird die Ausbeute für mich deutlich größer, wenn Love Is Beautiful diesmal auf The Tide Is High, Wonderful Girl auf Stand by Me, Get Out of My Bed auf Where Did Our Love Go oder I Can't Help Myself (Sugar Pie, Honey Bunch) trifft. When You Close Your Eyes besitzt schließlich im Refrain eine starke Ähnlichkeit zu Hard to Say I'm Sorry, während Part Time Lover der Discomelodie von Rock Your Baby nacheifert. Hinzu kommen reine Titelpartner wie Don’t Worry, der für mich sowohl den gleichnamigen Modern-Talking-Titel als auch eine Referenz auf Don’t Worry, Be Happy bildet. Auch Sing Halleluja sticht hierbei heraus, dessen Titel fast identisch mit Dr. Albans 90er-Hit Sing Hallelujah! ist.
Dies alles wäre kein großer Kritikpunkt, wenn man das Album als bewussten Songcatcher vergangener Hits verkauft hätte, doch wer nach Hinweisen im Booklet, in öffentlich zugänglichen Credits oder anderweitig im Netz sucht, stößt dabei allenfalls auf die vernichtende laut.de-Abrechnung von Dani Fromm. Schon ziemlich unglaublich, dass ein solches Album, das sich vor allem kommerziell mit Platz 2 der deutschen Albumcharts und Platinstatus behaupten konnte, aus heutiger Sicht so rar besprochen wurde.
Natürlich laden trotzdem viele der Melodien gerade aufgrund ihrer Ähnlichkeiten zum Mittanzen ein. Es mag, wenn schon nicht auf künstlerischer Ebene, in Bohlens geschäftlicher Dimension eine kommerziell lohnenswerte Fließbandarbeit sein, die ganz bewusst mit der Atmosphäre der Songs arbeitet, die Bohlen bei der Produktion womöglich im Kopf hatte. Doch gerade ein Musikproduzent wie Christian Geller hat in den vergangenen Jahren mit seinen Albumproduktionen für zahlreiche Künstler mehrfach gezeigt, dass die klar nach außen kommunizierte Wiederverwertung alter Hits ein Erfolgsrezept sein kann.
Fazit: Am Ende bleibt es dennoch ein Album, das ich mir immer wieder gerne anhöre, auch wenn es nur zusammenrecycelte Massenware aus sicherlich beschwingten Melodien ist. Die allergrößte Stärke entfaltet das Bohlenkorsett ohnehin mit Titeln wie Unbelievable und der soulstarken Stimme von Mark Medlock.
Zum kompletten Album!
Mit musikalischen Grüßen
euer SANY 3000


